Chihiro

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mein eigenes Pferd fort geben würde. Nun, mit meiner 7-jährigen Haflingerstute Chihiro sollte es dennoch so sein.

 

Als ich sie vor zwei Jahren übernommen hatte, war sie äußerst schwierig im Umgang und wir starteten bei Null. In der kurzen Zeit bei mir hatte sie wahnsinnige Fortschritte gemacht. Da sie unter anderem durch einen schweren Satteldruck traumatisiert war, taten wir alles außer Reiten: Schwimmen, Springen, Freiarbeit, Longieren, Zirzenische Lektionen, Wandern...


Sie war immer mit Freude dabei.

 

Dann kam der Tag, an dem ich mich aus privaten Gründen dafür entschied, sie an einen guten Platz zu vermitteln. Doch ich wollte – wie auch bei unserem Arbeitsalltag – dass wir gemeinsam entscheiden.

 

Folglich kam nur Karin als unsere Begleiterin in Frage. Ich hatte schon einiges von ihr gehört, doch gänzlich überzeugt war ich trotzdem nicht.

 

Schließlich war Chihiro eine ganz besondere Pferdepersönlichkeit und sehr auf mich bezogen. Doch Karin machte mir Mut.

 

Ich sollte ihr die Namen der Interessenten zukommen lassen und sie teilte mir daraufhin mit, wer gefühlsmäßig zu Chihiro passen könnte. Nach langer Durststrecke waren viele schon durch die bloße Art der Anfrage disqualifiziert und ich hatte alle Hoffnung verloren.

 

Chihiro war in dieser Zeit so wunderbar und legte sich erstmals neben mir ab. Das hat mich so berührt und ich spielte mit dem Gedanken, sie doch zu behalten. An dieser Stelle war es wieder Karin, die mich in meiner Entscheidung bestärkte.

 

Sie skizzierte den Charakter meines Pferdes samt Bedürfnissen so treffend und es war klar: Es wäre Chihiro gegenüber unfair, sie zu behalten. Ich konnte ihrem anspruchsvollen Wesen zeitlich nicht mehr gerecht werden.

 

Dann meldete sich ein Mädchen und Karin gab grünes Licht.

Als sie kam, war mir ganz Angst und Bange. Ich sah sie vor meinem geistigen Auge hilflos an Chihiro herumzerren. Doch es kam alles ganz anders.


Karin hatte vorher noch zu mir gesagt: „Chihiro wird dir zeigen, was sie möchte.“ Und so war es auch. Mein Pferd legte sich vor einem völlig fremden Menschen ab und stand nicht mehr auf, die Lippe hing tief im Sand. Sie schlief fast ein.


Das Mädchen und ich waren zutiefst berührt – Chihiro hatte ein neues Zuhause gefunden, das sie sich selbst ausgesucht hatte.

 

Obwohl Chihiro immer um sämtliche Anhänger einen Bogen machte, ging sie am Tag des Abschieds anstandslos hinein. Ich spürte ihre Angst. Doch ich wusste auch, was sie wusste: Es sollte einfach so sein.

 

Die Tatsache, dass mein Pferd selbst entschieden hat, machte den Abschied um einiges leichter und ich verspürte einen tiefen inneren Frieden.


Für deine Begleitung bei diesem wichtigen Schritt möchte ich dir herzlich danken, liebe Karin. Du bist Ruhepol und Vermittler, stehst mit Rat und Tat zur Seite.


Vielen Dank dafür!